Organismen als Prozessidentitäten: Informationskontinuität in Genetik, Epigenetik und Mikrobiom

Abstract

Dieses Modell entwickelt einen informationsbiologischen Ansatz zur Beschreibung organismischer Kontinuität und schlägt den Begriff der biologischen Reinkarnation durch Informationskontinuität vor. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Organismen nicht als abgeschlossene Einheiten verstanden werden können, sondern als temporäre Manifestationen verschiedener Informationsströme. Genetische Sequenzinformation bildet eine evolutionär langlebige, dynamische Linie, die durch Replikation und Rekombination über Generationen hinweg fortbesteht. Epigenetische Zustandsinformation fungiert als transgenerationales Gedächtnis, das Umwelt- und Lebenserfahrungen in modulierter Genaktivität speichert und weitergibt. Mikrobiologische Populationsinformation repräsentiert eine dritte Ebene der Persistenz: mikrobielle Linien sind evolutionär älter als der Mensch, replizieren kontinuierlich und kommunizieren über metabolische, immunologische, endokrine und neuronale Signalwege – einschließlich der Darm-Hirn-Achse und des Vagusnervs – aktiv mit dem Wirt.

Der Mensch wird in diesem Rahmen als Holobiont verstanden, dessen Identität nicht auf ein einzelnes Genom reduzierbar ist, sondern als emergenter Systemzustand aus genetischen, epigenetischen, mikrobiellen und ökologischen Prozessen entsteht. Die biologische Identität ist damit prozesshaft und zeitlich gestreckt, nicht substanzhaft. Reinkarnation wird in diesem Modell nicht metaphysisch interpretiert, sondern als Fortsetzung biologischer Information in neuen materiellen Konfigurationen. Das Individuum erscheint als temporäre Welle im kontinuierlichen Fluss evolutionärer, epigenetischer und mikrobieller Information. Dieses Konzept verbindet moderne Erkenntnisse der Genetik, Epigenetik, Mikrobiomforschung und Systembiologie zu einem integrativen Rahmen, der biologische Persistenz jenseits individueller Lebensspannen beschreibt.