Biologische Reinkarnation durch Informationskontinuität: Ein integratives Modell organismischer Persistenz – Teil IV


1. Einleitung

Die moderne Biologie befindet sich in einem tiefgreifenden Paradigmenwechsel. Während klassische Modelle Organismen als klar abgegrenzte, substanzielle Einheiten betrachten, zeigen aktuelle Erkenntnisse aus Genetik, Epigenetik, Mikrobiomforschung und Systembiologie, dass biologische Identität wesentlich prozesshafter, relationaler und informationsbasierter ist, als lange angenommen wurde. Organismen erscheinen nicht als isolierte Entitäten, sondern als dynamische Konfigurationen verschiedener Informationsströme, die sich über unterschiedliche Zeitskalen erstrecken und in komplexer Weise miteinander interagieren.

Diese Perspektive stellt die traditionelle Vorstellung eines stabilen, in sich geschlossenen Individuums infrage. Stattdessen rückt ein Verständnis in den Vordergrund, das Identität als emergenten Systemzustand begreift, der aus der Interaktion genetischer, epigenetischer, mikrobieller und ökologischer Faktoren hervorgeht. In diesem Rahmen wird das Individuum nicht als Ursprung oder Endpunkt biologischer Prozesse verstanden, sondern als temporäre Manifestationsform eines viel älteren und umfassenderen Informationsflusses.

Das hier entwickelte Modell bezeichnet diesen Fluss als biologische Reinkarnation durch Informationskontinuität. Der Begriff „Reinkarnation“ wird dabei vollständig entmystifiziert und naturalistisch interpretiert: Nicht ein metaphysisches Selbst wandert, sondern biologische Information setzt sich in neuen materiellen Konfigurationen fort. Diese Fortsetzung erfolgt über drei zentrale Ebenen – genetische Sequenzinformation, epigenetische Zustandsinformation und mikrobiologische Populationsinformation – sowie über die bidirektionale Kommunikation zwischen Mikrobiom und Wirt, die systemrelevante Zustände erkennt, moduliert und weitergibt.

Ziel dieses Artikels ist es, ein integratives theoretisches Modell zu entwickeln, das diese Informationsströme zusammenführt und ihre Rolle für organismische Persistenz, Identität und Evolution beschreibt. Das Modell ist anschlussfähig an die Extended Evolutionary Synthesis, an prozessphilosophische Ansätze in der Biologie sowie an aktuelle Forschung zur Darm-Hirn-Achse und zur holobiontischen Organisation des Lebens.

Die zentrale These lautet: Biologische Identität ist keine Eigenschaft eines Individuums, sondern ein Muster der Informationskontinuität, das sich über Generationen, Populationen und evolutionäre Zeiträume hinweg erstreckt.

Das Individuum ist eine Welle; die Information ist das Meer.

Anschlussteil: — THEORETISCHER HINTERGRUND